ABS-Exkursionen

Exklusiv für Aktionärinnen und Aktionäre

Zwei Damen, ein Biohof und eine Spinnerei

Die ABS-Exkursion, exklusiv für ABS-Aktionärinnen und -Aktionäre, führt am Samstag, 26. September 2015 nach Delémont in den Jura, genauer gesagt in die Ajoie. Der Besuch bei drei von der ABS finanzierten Projekten und Unternehmen gestaltet sich äusserst spannend: Beim Bürgerwindpark St. Brais sorgen nicht nur die Windräder für Gesprächsstoff, sondern auch deren anwesende Opposition, der über 40-jährige Biohof am Ende der Schweiz in Cerniévillers beeindruckt durch die engagierte Lebens- und Arbeitsgemeinschaft und der Besuch in der FLASA (Filature de laine peignée d'Ajoie SA) macht die Gäste zu Fachleuten im Spinnen. Der Anlass darf als erfolgreich und äusserst wertvoll bezeichnet werden.

Einige der Teilnehmenden sind sehr früh aufgestanden, um vom Genfersee oder Berlingen SH rechtzeitig in Delémont zu erscheinen. Mit dem Postauto fahren wir durch eine raue und schöne Landschaft mit kühl-stürmischer Witterung. Als wir in Ensons-la-Fin aussteigen, können wir im grauen Nebel die zwei Damen von St. Brais erkennen: der erste Bürgerwindpark der Schweiz. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung von St. Brais hat ein Kraftwerk ermöglicht, welches rund 1'500 Haushaltungen über die Höhen verteilt mit Strom versorgt (St. Brais hat etwa 100 Haushaltungen). Gleich zu Beginn begegnen wir nicht dem erwarteten Geschäftsführer der ADEV, Andreas Appenzeller, sondern vier Personen vom Dorf. Sie seien so früh auf den Beinen, um die Besuchenden über die Gefahren und die negativen Umstände rund um den Windpark zu informieren. Diese kleine Opposition hat sich seit Jahren das Los auferlegt, gegen die Betreibenden und Befürworterinnen und Befürworter des Windparks schonungslose Aufklärung zu betreiben. Sozial sei das Dorf kaputt gemacht und die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner geschädigt oder massiv gefährdet worden. Wie Andreas Appenzeller später erklärt, beschränke sich die Opposition praktisch auf diese vier Personen. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung von St. Brais sowie der Gemeinderat würden hinter dem Projekt stehen.

Tatsächlich vernehmen wir das regelmässige Zischen und Klacken der Windräder. Ein kalter Wind vom Dorf her beherrscht das Feld und macht die Zuhörerschaft frösteln. Der Nebel trägt zur düsteren Situation bei: Herr Appenzeller berichtet von der kleinen Widerstandsgruppe, welche sich bis heute gegen den Betrieb des Windparks wehrt. Mit allen Gegnerinnen und Gegnern seien lange und ausführliche Gespräche geführt worden. Für die Opposition sei es nicht einfach, als kleine Bewegung alleine dazustehen. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger von St. Brais hat jedoch ein positives Zeichen für unsere Zukunft gesetzt. Die Energiewende geschieht heute.

Die kalte Witterung hat alle ausgekühlt. Im warmen und windgeschützten Postauto verabschiedet sich der ADEV-Geschäftsführer Andreas Appenzeller und dankt für das Interesse.

Die Weiterfahrt dauert nur wenige Minuten. Obwohl Cerniévillers in der Nähe der Höllen liegt (der Ort heisst 'les Enfers' - der Orkus = die Unterwelt oder Höllen), finden wir uns in einer romantischen, abgelegenen und einsamen Wald-Wiesenlandschaft. Hier haben Lydia und andere vor über 40 Jahren das verfallene Gehöft aufgekauft und mit zähem Einsatz und unermüdlichem Mut einen wertvollen Lebens- und Arbeitsort geschaffen. Es gibt für die sieben Erwachsenen mit Kindern eine Gemeinschaftskasse. Jede Familie oder Person nimmt sich daraus, was für den Alltag benötigt wird. Disziplin und Vertrauen sind Voraussetzung, dass das Leben mit allen Herausforderungen in der Natur gelingen darf. Die Geissen haben freien Auslauf - eingehegt sind nur die Orte, welche sie nicht erreichen sollen: die Gärten, einzelne Bäume, bestimmte Orte. An den steil abfallenden Wiesen und wegen dem rauen Klima kann hier keine Kultur angepflanzt werden, also bietet sich hervorragend die Fleischzucht an. Diese Köstlichkeiten dürfen wir beim Mittagsimbiss unter der offenen Scheune geniessen: feines Trockenfleisch, Geissenkäse und andere Käsesorten, Gemüse und bestes Bio-Brot. Aromatischer Kräutertee oder Quellwasser sind als Getränke da. Der Bio-Wein ist ebenfalls aus der Region. Der Kaffee wird aus der urchigen, originalgetreuen Küche gebracht, die mit ihren rohen weissen Steinmauern, welche durch den offenen Kamin leicht russgeschwärzt sind, an ein Kellergewölbe erinnert.

Wir verabschieden uns nur mit schwerem Herzen - vor allem, weil eben durch die beiden Gruppenleiter Hanno Schmid und Ruedi Strasser beim Imbiss alle von der Gemeinschaft ihr Herz mit uns geteilt haben.

Nun ist es sonnig und wärmer geworden. Dankbar und etwas müde vom feinen Imbiss lassen wir uns durch die wunderbare Gegend nach Alle fahren. Unser junger Postautochauffeur, gebürtiger Portugiese, fährt uns wohlbehalten und komfortabel zur FLASA. Er nimmt nicht die Autobahnstrecke mit Tunnel, sondern den schöneren Weg mit weniger Kilometern, aber mit mehr Kurven und Höhenmetern.

Monsieur Six und seine Schwester mit Tochter erwarten uns vor der Fabrikanlage, die bereits in dritter Generation betrieben wird. Mit humorvollen Worten führt uns André Six in die Welt der Garne und Spinnereien ein. Beim Rundgang erfahren wir noch mehr über die Vielfalt und Qualitäten der Garne. Selber sollen wir zu zweit aus einer Handvoll roher Wolle einen Faden spinnen. Nachdem wir diese Erfahrung gemacht haben, spricht nun Monsieur Six über die Produktion und Entstehung des Garnes. Auf dem Dach erläutert er, wie sie vor einigen Jahren das Dach sanieren mussten. Die Fabrikantenfamilien wollten dies Herausforderung ökologisch angehen und eine Photovoltaik-Anlage installieren. Hierfür meldeten sie ihr Projekt bei der KEV an. Sie kamen auf eine sehr lange Warteliste... Doch dann passierte die Katastrophe in Fukushima. Danach gab der Bund bekannt, dass grosse Photovoltaikprojekte sofort von der KEV profitieren können. Da die Familie keine Hypothekenbelastung auf den Liegenschaften haben wollte, war keine Bank bereit, die Finanzierung zu ermöglichen - ausser die Alternative Bank Schweiz.

Bei der Rückfahrt zum Bahnhof Delémont waren die Gäste in aufgeräumter und sehr zufriedener Stimmung - ein reich gefüllter Tag mit vielen neuen Kenntnissen und Zusammenhängen und vor allem: die Begegnung mit wertvollen Menschen, die sich anders als andere einsetzen.

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