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ür manche ist es eine Gelegenheit, ein Ritual, Ab-

schluss einer Sumpftour. Für andere ein bisschen Stube,

Schwatztreffpunkt – für mich war es lange die Gelegen-

heit, etwas Warmes in den Bauch zu kriegen, ohne selber

kochen zu müssen, mich zu ernähren oder einfach den

abendlichen Hunger zu stillen, ohne viel Geld ausgeben

zu müssen: der Besuch des Würstlistandes. Sparen.

Dazu der Ratschlag meiner Mutter: Einmal warm essen

am Tag, das solltest du schon. Wahrscheinlich wäre es

mit Selberkochen billiger und gar «nachhaltiger» gewe-

sen. Aber sicher verbunden mit mehr Aufwand. So blieb

ich beim Würstlistand, um mein karges Budget zu scho-

nen. Freundinnen rümpften entsetzt ihre Nasen. Eine

aber begleitete mich, und es wurde eine schöne und

dauerhafte Beziehung daraus. Vielleicht auch dank des

Würstlistandes. Und diesen besuchen wir auch heute

noch hie und da. Aber heute ist es eine Art Luxus.

Verpflegung. Und Sparen. Das Restaurant konnte

ich mir nicht leisten. Mein Budget litt an chronischer

Unterdeckung. Das aus früheren Zeiten verbliebene

Bankkonto litt an Schwindsucht. 2200 Lohn, 1400 die

Wohnung, dazu noch ein billiges, geteiltes Auto, einen

Franken pro Tag für den Hund, der Rest für den Rest.

Was übrig blieb, war für die Wurst oder Ähnliches.

Hauptsache billig. Dafür konnte ich mir auf die Brust

klopfen: Keine entfremdete Arbeit im selbstverwalteten

Betrieb. Keine (fast keine) Trennung zwischen Arbeit

und Freizeit. Alles andere war wurst. Unwichtig. Zuge-

nommen habe ich in dieser Zeit nicht. Erst später, mit

der gesünderen Nahrung.

Wir nannten es Investition. Und überliessen es der

Nachfolgegeneration, das durch Lohnverzicht angehäuf-

te Kapital in kurzer Zeit wegzuschmelzen. Wir hatten ge-

lernt, wie Kapital geschaffen wird. Und wir erlebten es

hautnah. Marx hat Recht: Kapital wird durch Arbeit ge-

schaffen. Es war unser eigenes Kapital. Und der Vorwurf

von Selbstausbeutung war der Spruch von Kurzdenkern,

die sich lieber ausbeuten und das geschaffene Kapital

einem Unternehmer, einem anonymen Unternehmen und

deren Leithammeln überliessen. Wir aber konnten frei

über unser Kapital verfügen. Und wegen des Lohnver-

zichts habe ich eigentlich nie gelitten.

Nur einmal, ein einziges Mal, habe ich eine Wurst,

die mir angeboten wurde, zurückgewiesen: als ein SVP-

Kandidat diese gratis verteilte. Eigentlich symbolisch:

eine Wurst verteilt ebensolche. Eine Beleidigung für die

Wurst. Meine Erklärung für ihn: Ich nähme die Wurst

nicht von jeder Wurst. Er begriff nicht, was ich meinte,

wie so vieles andere wahrscheinlich auch nicht.

Und einmal hat man mich um die Wurst beschissen:

Mein Frust nach meiner ersten 1.-Mai-Demonstration,

an der ich als Knirps teilgenommen habe. Umzug hiess

es damals. Andere hatten mich mitgeschleppt. Es gebe

für jeden eine Bratwurst nachher und dann noch einen

Charlie-Chaplin-Film. Die Wurst lockte, nicht der Film,

der Umzug sowieso nicht. Ich ging mit. Hinter roten

Fahnen. Unter lauter ernsten, sonntäglich gekleideten

Männern und der Blaskapelle mit dem spitzbärtigen

Dirigenten. Hatte nicht die geringste Ahnung, was das

sollte. Die Enttäuschung war anschliessend riesig: keine

Wurst, und statt Chaplin ein Tierfilm, ein Kampf zwi-

schen einem Löwen und einem Tiger. Viel Gefauche, viel

Staub, passiert ist nichts. Ausser, dass ich mir in die

Hosen gemacht habe, weil alles so lange dauerte. Später

war das immer das Bild der behäbigen Gewerkschaft:

Fauchen und Staub aufwirbeln, aber nichts passiert und

manches geht in die Hose.

Es gab Zeiten, da wurde ich schnell einmal nach dem

Sternzeichen gefragt. Oft von Frauen. Ich antwortete:

Wurst, mein Sternzeichen ist Wurst. Was aber immer

falsch ausgelegt wurde. Sie nannten mich einen Igno-

ranten. Oder gar Zyniker. Ich meinte es aber wörtlich.

An meinem Stammwürstlistand befand ich mich unter

aargauischen Touristen, geradezu in Feindesland. Die

fremden-, frauenfeindlichlichen Sprüche. Man ist unter

sich, die Ehefrau fern, die Dirnen nah, in der Hand die

Wurst. Das Publikum ist hier sehr gemischt, und öfter

steht hier nicht die Wurst, sondern das Wort im Mittel-

punkt. Manchmal auch Fäuste. Oder Biergesabber. An-

mache. Dafür krieg ich hier manchmal noch eine Wurst,

wenn es längst keine mehr geben dürfte. Einmal steckte

einem Gast ein Messer im Rücken – wie im Film –, weil

eine Frau glaubte, ihr Freund werde angegriffen, obwohl

es auch in diesem Fall nur um eines ging: um die Wurst.

Ob es das richtige Sparprogramm war, da bin ich

eher unsicher. Jedenfalls bin ich von der Wurst ab-

gebracht worden. Sanft. Dafür nachhaltig. Leider?

Wahrscheinlich zum Glück. Jetzt ist es etwas Spe-

zielles, so was wie eine Belohnung für eine

ausserordentliche Leistung. Sozusagen. Eine

geradezu luxuriöse oder halt geduldete Ab-

wechslung. Oder bei Frust am Arbeits-

platz: die Wurst heilt Wunden.

Aldo Clerici

a.clerici@clerici-partner.ch

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Nr. 3 | 15. Sept. 2003

Denkbi ld

Sparen ist

Wurst.

Foto: zvg