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Nr. 3 | 15. Sept. 2003

Prassen und Geizen

G

eizhälse haben derzeit Hochkonjunktur, und es

scheint, als sei mit der wachsenden Zahl der Knauserer

auch deren Leidenschaft salonfähig geworden: Aus dem

sündigen Laster wird nun lustvolle Tugend; Knickrig-

keit scheint ein neues Lebensgefühl zu sein und Sparen

eine Kultur, in der jeder gesparte Rappen als persön-

licher Sieg registriert wird und die Schnäppchenjagd

Volkssport ist – koste es, was es wolle.

Es ist doch etwa verblüffend, wie vielen Leuten kein

Weg zu weit ist für ein Schnäppchen. Und dabei spielt

es offensichtlich keine Rolle, dass der Aufwand die

«Einkaufstouristen» letztlich teurer zu stehen kommt

als der gesparte Betrag, wenn man die entsprechenden

Kosten umrechnen würde. Am Preis allein kann’s also

nicht liegen. Die Höhe der eingesparten Summe ist dem

Sparer zwar wichtig – aber längst nicht nur das: Es ist

die blosse Tatsache, dass man überhaupt etwas sparen

kann, die ein Gefühl des Triumphes verleiht.

Geiz beginnt, wo Armut aufhört

Der Geiz entspringt hierzulande denn auch nicht

immer ökonomischer Not. «Der Geiz beginnt, wo die

Armut aufhört», schreibt dazu der französische Schrift-

steller Honoré de Balzac. Die Schere zwischen Arm und

Reich öffnet sich in der Schweiz zwar immer stärker,

und am unteren Ende der Skala gibt es immer mehr

Menschen, die gezwungen sind, auf ihren Geldbeutel zu

achten. Für sie hat Sparen nichts mit Lebensgefühl oder

Kultur zu tun, sondern ist schlicht zwingende Notwen-

digkeit im täglichen Existenzkampf. Doch es sind para-

doxerweise vor allem die Besserverdienenden, die einer

Lust am Sparen immer schamloser frönen – Konsum als

neue Herausforderung, das Schnäppchen als Schlüssel-

reiz. Nicht umsonst sagt denn auch der Volksmund:

«Der Geiz wächst mit dem Geld.»

Doch nicht nur das. Der Geiz nimmt auch propor-

tional zum Wissen in einem bestimmten Bereich zu –

je besser sich die Leute dort auskennen, desto mehr

Möglichkeiten suchen und finden sie zum Sparen. Mit-

unter führt das aber in die Irre. Das zeigt sich insbe-

sondere in ganz konkreten Situationen des täglichen

Einkaufs, in denen sich der Geiz besonders gerne breit

macht. So versuchen etwa die meisten Leute, Wasch-

mittel prinzipiell nur im Sonderangebot zu kaufen.

Gleichzeitig kennen allerdings die wenigsten überhaupt

den Normalpreis für ein Kilo Waschmittel und schätzen

ihn viel zu hoch, wie eine Studie jüngst belegte. Preis-

sensibilität und tatsächliches Preiswissen klaffen dem-

nach hier meilenweit auseinander – allein der Umstand,

dass Aktion drauf steht, lässt uns offensichtlich aber

glauben, dass es auch eine ist.

Konsumentenschützerin Sommaruga

Waschmittel im Sonderangebot

Foto: zvg

Simonetta Sommaruga,

Nationalrätin, Präsidentin

Stiftung für Konsumenten-

schutz, Bern.

«Geiz ist geil» – der Werbeslogan ist so erfolg-

reich wie gelungen. Nicht weil er sonderlich

geistreich oder witzig wäre, sondern weil er ganz

offensichtlich den Zeitgeist trifft.

Das Billigere

Wie irrational die ganz alltägliche Sparwut häufig

funktioniert, zeigt sich etwa auch bei der Ernährung.

Denn oft wird gerade bei den Lebensmitteln gespart,

was das Zeug hält – obwohl diese einen immer geringe-

ren Teil des Haushaltsbudgets ausmachen. Was auf den

heimischen Mittagstisch kommt, entscheidet sich oft

erst beim Einkauf: Frische Schweizer Biotomaten vom

Wochenmarkt – oder doch die billigeren ausländischen

Tomaten, die im Einkaufszentrum gerade Aktion sind?

Der Entscheid fällt in der Regel für das Billigere aus.

Doch damit wird allzu häufig am falschen Ort gespart.

Denn der höhere Preis zahlt sich durchaus aus: Ausge-

reifte Früchte und Gemüse schmecken nämlich nicht

nur aromatischer, sie sind auch frischer, knackiger und

vitaminreicher. Zudem wird bei regionalen Produkten

die Umwelt entlastet, da lange Transportwege entfallen.

Das ständige Schielen nach Rabatten verstellt denn

auch oft den Blick fürs Ganze: Da wird vor dem Essen

ein Einzahlungsschein für eine Spende an ein entwick-

lungspolitisch tätiges Hilfswerk ausgefüllt – aber zum

Dessert kommt die Aktions-Ananas auf den Tisch, die

von nicaraguanischen Arbeitern unter menschenunwür-

digen Bedingungen geerntet wurde.

Gier nach Aktionen

Völlig unverständlich wird die grassierende Gier

nach Aktionen aber spätestens dann, wenn man die

Nonchalance beobachtet, mit der zugleich darüber

hinweggeschaut wird, wo wirklich gutes Geld gespart

werden kann: bei Versicherungen und Banken. Doch

hier zeigen sich Schweizerinnen und Schweizer wenig

preissensibel; es scheint vielmehr das Motto zu gelten:

Je teurer, je besser.

Noch immer sind es heute vorwiegend die Frauen,

die den täglichen Einkauf erledigen. Der eigenen, aber

auch der Gesundheit der Arbeitnehmenden zuliebe soll-

ten sie aber nicht bei den Lebensmitteln knausern, um

das Haushaltsbudget zu entlasten. Vielmehr wünschte

ich mir, dass sie ihre monetäre Kompetenz vor allem

in allen heimischen Finanzbelangen ausspielen; zumal

sie laut neusten Studien auch erfolgreicher in Anlagege-

schäften tätig sind als Männer. Unnötige Versicherun-

gen kündigen, überhöhte Bankgebühren überprüfen und

eine nachhaltige Anlagestrategie festlegen: Hier liegen

meines Erachtens die interessanten Sparpotenziale im

Schweizer Haushalt, und hier hat der Geiz in der

Schweiz seinen wahren Reiz.

Simonetta Sommaruga