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ie prasse ich korrekt alternativ? Zugegeben, es

fällt mir nicht leicht, mich mit diesem implizierten

Optimismus anzufreunden, der Annahme, ich praktiziere

in der Tat eine korrekt alternative Prasserei. Ein Teil die-

ses Textes befasst sich genau mit den Gründen warum

nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob wir je Korrektheit in

den individuellen Fragen des Konsums finden sollen. Zu

nahe liegt mir diese so genannte Korrektheit bei Be-

dürfnisschnüffelei, Gängelung und Selbsttäuschung.

Der Prasserei haftet in der Schweiz ein gesellschaft-

liches Stigma an. Luxus empfinden wir in der Regel als

anrüchige Bereicherung. Dies ist in alternativen Kreisen

sogar noch stärker als anderswo. Wobei handkehrum

auch Alternative nicht immer von Geiz verschont blei-

ben. Ich denke beispielsweise an Wohngemeinschaften,

wo die geschlossene Toilettentür als kleinkariert galt, je-

doch stundenlang die Telefonrechnung auf den Rappen

genau auseinander dividiert und den VerursacherInnen

einzeln belastet wurde. Oder da wären die zum Garten-

fest Einladenden, die eigentlich am liebsten eine Aus-

trittskollekte zur Deckung der Unkosten organisieren

würden usw. Doch werden solche Phänomene eher als

soziale Übungen erlebt, die in keiner Weise die Stärke

von zur Schau gestellter Prasserei auf der nach oben of-

fenen Sündenskala erreichen.

So erstaunt es nicht, dass im Umfeld ökologischer,

sozialer und entwicklungspolitischer Bewegungen kriti-

sches Bewusstsein und eine gewisse materielle Beschei-

denheit wie selbstverständlich dazu gehören: die Seele

nicht an Konsum und Unterhaltung verschachern, sich

abheben vom stumpf konsumorientierten Freizeit-Main-

stream, sich Gedanken machen über die gesellschaftli-

che Mitwelt, das ökologische Umfeld und die Politik,

welche die Rezession allerdings auch nicht verhindern

konnte. Im ABS-Leitbild ist beispielsweise von der

Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse als

Leitidee die Rede, und in den Grundzügen der Anlage-

und Kreditpolitik der ABS finden sich Konsumkredite,

Luxusbauten, Luxusrenovationen, Luxuseinrichtungen

usw. unter den Ausschlusskriterien. Dies finde ich auch

gut und richtig. So soll es bleiben.

Bescheidenheit ablegen

Nun erleben wir in der Schweiz seit längerem Kon-

junktureinbruch, Investitionsebbe und Entlassungen.

Dies können selbst die hartnäckigsten OptimistInnen

nicht wegreden. Auch diejenigen nicht, die seit kurzem

Silberstreifen am Horizont der US-Wirtschaft ausma-

chen. Gegen eine generelle Konsumskepsis lässt sich

deshalb mit Vehemenz einwenden, dass es uns am bes-

ten gehe, wenn unsere Wirtschaft floriert, wenn unsere

Arbeitslosigkeit niedrig ist und unsere Renten aus-

bezahlt werden können. Darum ist die Frage nach den

Formen einer korrekt alternativen Prasserei so abwegig

nicht. Die Aufhellung der KonsumentInnenstimmung

und der daraus folgende Mehrkonsum der privaten

Haushalte kurbelt die Wirtschaft an. Die Anhäufung

von Geisteszuständen ohne wirtschaftliche Auswirkun-

gen genügt nicht. Also: Was kann ich tun?

Hey, big spender!* Ich kann mehr konsumieren, be-

wusst konsumieren und den Luxus der Bescheidenheit

ablegen. Dabei bemerke ich innert kurzem, dass alter-

native Prasserei mit neuen Rollen, nämlich öffentlichen

Rollen, verbunden ist und somit eine andere Lebens-

führung bedeutet, was nie ganz bequem ist. Wir müssen

unsere eingeübten Phrasen aufgeben und befinden uns

damit zumindest in einer unerwarteten sprachlichen

Unbeholfenheit. Dies gilt speziell für jene Schlau-

meierInnen, die in jedem Problem primär ein Kommu-

nikationsproblem sehen. Prägnante, gar witzige Äus-

serungen zur Erklärung unserer Metamorphose zum

alternativen PrasserInnentum sind gefragt. Verständ-

lich, dass wir da viel lieber bei unserer rührigen Be-

scheidenheitsrhetorik blieben, der wir in zäher Um-

ständlichkeit die Taten des täglichen Minimaleinkaufs

folgen liessen.

Wir müssen aber nicht über Gebühr beunruhigt sein.

Die menschliche Identität lässt sich zum Glück nicht

einfach auswechseln. Deshalb dürfen sich alternative

PrasserInnen auf jeden Fall durch eine gewisse guttura-

le Unbeholfenheit auszeichnen, die ein stetiger Beweis

für grundgütige Bescheidenheit und bissige Konsum-

kritik in der Tiefe ihrer Seele ist. Konsumiert wird so-

dann, nur so dürfte es einigermassen korrekt sein, bei

auf Nachhaltigkeit geprüften AnbieterInnen. Auf diese

Weise ist sogar der lustvolle, leicht überschwängliche

Konsum okay.

Prassen und Geizen

Nr. 3 | 15. Sept. 2003

4

Menschen mit alternativem Bewusstsein, von heimlich Begabten

einmal abgesehen, müssen korrekt alternatives Prassen

(gibt’s das?) umständlich erlernen. Dies ist beschwerlich und doch

wieder nicht so andersartig, um zu faszinieren. Kein exotisches

Gebiet tut sich auf, sondern ein spezieller Umgang mit Geld.

Alternativer Konsum darf nicht mehr tabu sein

Wie prasse ich korrekt

alternativ?

Die Futtertröge sind gefüllt.

Das Volk zögert. Wo setzen

wir die Kurbel zum alterna-

tiven Konsum wie an?