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H

and auf die Dingwelt! Denn diese

schreit danach, doch Vorsicht: Alles hat

seinen Preis. Wer bezahlt, der darf. Und

wer nicht bezahlt, der schaut zu. Kontem-

plation führt eben in einen Tempel oder ein

Museum, selten aber in ein Warenhaus –

Schaufensterjogger ausgenommen. Die ra-

sen weiter, zum nächsten Schaufenster.

Wer aber die Dingwelt von ihrer mate-

rialistischen Seite her betrachtet, der ist

gefangen in den Klauen eines Wunsches.

Haben ist angesagt – koste es, was es wolle.

Denn bezahlt wird eh nicht. Dieses Ha-

benwollen, das zum Klauen verleitet, ent-

springt einem kannibalistischen Instinkt.

Geklaut wird bekanntlich alles. Am meis-

ten verharmlost wird jedoch die Tat, wenn

es sich bei den Objekten der Begierde um

die Besitztümer einer Institution handelt,

Hotelhandtücher oder -aschenbecher zum

Beispiel: «Das ist doch nicht Klauen! Die

haben ja genug Tücher», wird hier eifrig

argumentiert. Und als emotionale Fussnote

zur Bedeutungslosigkeit des Gestohlenen

soll der Rückgriff auf dessen «Souvenir-

gehalt» die Tat in ein persönliches Licht

rücken, was für den Betroffenen die Be-

deutung haben müsste, seine Handlung

habe mit dem Gesetz nichts zu tun. Denn

wer etwas als Souvenir behalten möchte,

der dealt nur mit sich selbst: Wohl klar,

dass hier keine Drittperson zu Schaden

kommt! Wer also das Klauen als einen Sou-

venirakt taxiert, der bastelt vielmehr an

einem Kalauer, der nicht aufgeht.

Doch im Reich dessen, was volksmund-

lich als Klauen verniedlicht wird, sind viele

Schattierungen vermerkt. Während ein ein-

maliges Klauen (oft als Souvenirakt baga-

tellisiert) fast in den meisten Menschenle-

ben zu registrieren ist (also nicht der Rede

wert!), gilt ein häufigeres unrechtmässiges

Hinlangen bereits als problematisch. Auf

diesem unangenehm werdenden Sektor

(Achtung: die Polizei!) bekommt die Sache

in zwei Aspekten einen systematischen

Charakter: entweder, wenn der Diebstahl

zur persönlichen Bereicherung (im Extrem-

fall organisierter Raub im grossen Stil!)

ausgeführt wird, oder, wenn jemand ein-

fach so, das heisst aus einer Sucht heraus

klaut. «Kleptomanie» ist der medizinische

Ausdruck für den psychischen Zwang,

etwas zu klauen, mit dem man gar nichts

anfangen kann. Wie gesagt – die Dingwelt

möchte angefasst werden. Und Bereiche-

rung hat, wie Stehlen im Allgemeinen zeigt,

etwas mit Reich-werden-Wollen zu tun.

Und was täten wir nicht alles, wenn wir

reich wären? – der Kleptomane führt es

vor: nichts, aber gar nichts. Höchstens hor-

ten, damit wir weiterhin reich bleiben. Es

muss also scharf zwischen diesen zwei

Typen in Sachen Klauen unterschieden

werden. Der klassische Dieb möchte sein

Raubgut geniessen. Und der Kleptomane?

Das Fehlen eines zweckmässigen Ver-

hältnisses zum Objekt in der Kleptomanie

(um ein solches Verhältnis bemüht sich –

zumindest argumentativ – der Souvenir-

dieb) stellt die Frage nach der Bedeutung,

die hier dem Haben zukommt. Dabei of-

fenbart der Kleptomane ein wichtiges Ge-

heimnis: Das, wofür man nicht zahlt, zählt

nicht (in der Sprache des Souvenirdiebs:

kann

nicht zählen, es gibt ja genug Tü-

cher). Und je mehr man nicht zahlt, desto

weniger zählen die Dinge. Was hingegen

zählt, ist die Sucht, denn dafür muss frü-

her oder später bezahlt werden – in Form

einer Strafe, beispielsweise. Wer also ver-

schlingt oder sich aneignet, was genuin

ihm nicht gehört, ist verzweifelt auf der

Suche nach Richtlinien. Nicht grundlos

landen solche Geschichten früher oder

später vor dem Richter.

Klauen hat aber nicht nur Schatten-

seiten. Plagiatoren galten bei den alten

Römern als Menschenräuber. Ein Plagiator

beraubt einen Menschen nach unserem

Verständnis allerdings nur symbolisch, da

er

nur

dessen Gedanken und Ideen ent-

wendet. Ein offensichtliches Plagiat löst

zwar selten Bewunderung aus, aber wo

wären wir in den Wissenschaften oder in

der Kunst und Literatur, wenn nicht plagi-

iert würde? (Allein schon die lateinische

Bezeichnung sorgt für die nötige Luxus-

aura, wenn es um geistigen Raub geht.) Es

ist offenbar schwierig, Buchstaben oder

Ideen als jemandes Eigentum zu betrach-

ten, selbst wenn diese schwarz auf weiss

gedruckt sind (von dieser Situation profi-

tiert der Souvenirdieb mit dem Rückgriff

auf den ideellen Wert des Gestohlenen). Im

Verkehr der geistigen Währung kann oft

nicht mehr zwischen der falschen Blüte

und ihrem Original unterschieden werden.

Und es schert sich auch niemand darum.

Denn selten sind die aus korrekt aufge-

führten Zitaten bestehenden Texte auch

die interessantesten. Und wer der Erste in

etwas gewesen ist, mag zwar im Sport eine

erstrangige Frage sein, in der geistigen

Domäne jedoch ist sie sekundär.

Trotz all dieser Vor- und Nachteile soll-

ten wir nicht undankbar sein! Denn wer in

der Natur am Schluss Herr der – funkeln-

den! – (D/)Ringe bleibt, versteht sich von

selbst: Während die Menschen ihr Klauen

meist unbeschadet überleben, werden die

Tiere zum kläglichen Opfer ihrer Klauen-

seuche. Wenn das nicht ungerecht ist!

Kathy Zarnegin

Prassen und Geizen

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Nr. 3 | 15. Sept. 2003

Kathy Zarnegin (1964) ist aus-

gebildete Psychoanalytikerin

und Mitbegründerin des Lacan

Seminar Zürich. Sie lebt als

freie Schriftstellerin in Basel.

Foto: zvg

Klauen oder das Lauern

auf den Rausch

Klauen

‹sw. V.; hat› [eigtl. (noch mundartl.) =

mit den Klauen fassen, kratzen, zu Klaue]

(salopp):

[ kleinere Dinge ] stehlen:

Kirschen k.;

jmdm. die Uhr k.

Kathy Zarnegin