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urchschnittlich hunderttausend Menschen pro Tag

sterben vor Hunger oder an seinen unmittelbaren Folgen.

Alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jah-

ren. Alle vier Minuten verliert jemand das Augenlicht

wegen Mangel an Vitamin A. 841 Millionen Frauen, Kin-

der und Männer waren vergangenes Jahr permanent

schwerst unterernährt. Es waren 826 Millionen im Jahr

2001. Der weitaus grösste Teil der Hungeropfer stammt

aus Asien: 515 Millionen oder 24 Prozent der Gesamt-

bevölkerung. Aber es ist Afrika, welches – zieht man den

Anteil der Hungernden an der Globalbevölkerung in Be-

tracht – die höchste Opferzahl erreicht: über 34 Prozent

aller Bewohner zwischen Mittelmeer und Kap der Guten

Hoffnung sind schwerstens chronisch unterernährt.

Wer Geld hat, der isst

Alle diese Zahlen stammen aus dem alljährlich er-

scheinenden, akribisch recherchierten «World Food

Report» der FAO, der Sonderorganisation der Uno für

Landwirtschaft und Ernährung. Kein Mensch bestreitet

sie. Das stille Massaker geschieht jeden Tag auf unserer

Erde in völliger Normalität. Derselbe «World Food Re-

port» sagt auch, dass die Weltlandwirtschaft bei ihrem

heutigen Entwicklungsstand ohne Problem 12 Milliar-

den Menschen ernähren könnte. Ohne Problem heisst:

jedem Erdbewohner jeden Tag eine Nahrungsmittelmen-

ge entsprechend 2700 Kalorien verschaffen. Wir sind

aber gegenwärtig bloss rund 6,2 Milliarden Menschen

auf der Welt. Schlussfolgerung? Es gibt keine Fatalität

und keine naturgesetzliche Notwendigkeit der Zerstö-

rung von Millionen von Menschen durch Unterernäh-

rung und Hungertod. Wer Geld hat, der isst. Wer keines

hat, der leidet, wird invalid oder stirbt. Wer heute auf

dieser Welt am Hunger zugrunde geht, wird ermordet.

Hinter jedem verhungerten Kind steht ein Mörder.

Der Hungertod hat viele schreckliche Gesichter: zu

unterscheiden ist zwischen strukturellem und konjunk-

turellem Hunger. Konjunkturelle Katastrophen sind

jene wie jetzt in Liberia oder in Malawi. In Liberia zer-

stört ein fürchterlicher Bürgerkrieg – es geht um die

Kontrolle der reichsten Diamantenfelder der Welt –

die ganze Ökonomie, Strassen, Äcker, Märkte, alles. In

Malawi wütet die Trockenheit und vernichtet die Mais-

ernte. In beiden Fällen ist die Folge der konjunkturelle

Hunger. Aber die weitaus meisten Opfer gehen am

strukturellen Hunger zugrunde: Die vier apokalypti-

schen Reiter der Unterentwicklung sind Hunger, Durst,

Krieg und Epidemien. Die grosse Mehrheit der 144 so

genannten Entwicklungsländer weisen grosse (hin und

wieder auch kleine) Minderheiten auf, die aus fehlen-

dem Zugang zum bebaubaren Boden oder fehlendem

Einkommen permanent von einer normalen Ernährung

ausgeschlossen sind.

Die Folgen? Wenn ein gut genährter Schweizer die

Sahara durchquert, eine Panne hat, den Proviant auf-

zehrt, aber innert zehn Tagen von einer Karawane ge-

rettet wird, dann kehrt er dank intravenöser Spe-

zialernährung zu einem normalen Leben zurück. Ein

Kind der Altersklasse 0 bis 5 jedoch, das keine adä-

quate, genügende Ernährung erhält, wird verstümmelt

fürs Leben. Die Gehirnzellen wachsen nicht nach, auch

wenn dem Kind später Gutes widerfährt (eine Adoption,

eine Hilfe an die Familie, usw.) Das Kind bleibt ein

Krüppel auf Lebenszeit.

Hunderte von Millionen Frauen gebären alle Jahre

hunderte Millionen von Kindern. Viele dieser Mütter

sind – besonders in Südasien, Schwarzafrika, in den

Kanisterstädten Lateinamerikas – schwerstens unter-

ernährt. Das Neugeborene leidet an Fötalschaden, und

wenn es dann atmet, hat die Mutter keine Milch (und

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Nr. 3 | 15. Sept. 2003

Prassen und Geizen

Er nennt die Reichen und Banker der Welt in

gutem Tuch gewandet schon mal laut

«Halunken». Er wettert seit Jahren in Büchern,

Vorlesungen, Fernsehstudios und im Bundeshaus

gegen den Raubtierkapitalimus und die bren-

nenden Ungerechtigkeiten dieser Welt. Heute ist

Jean Ziegler zudem als Uno-Spezialbericht-

erstatter für das Recht auf Nahrung von Palästina

bis Afrika unterwegs. Wortgewaltig und fein-

fühlig wie eh und je. Auch für moneta geizt der

Genfer mit Thuner Heimat nicht mit Fragen

und Fakten zu unserem Prassen.

Uno-Sonderberichterstatter Jean Ziegler

Wie kommt

der Hunger

in die Welt

?

Foto: Keystone/Aijaz Rahi