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Mikrofinanz in den Ländern des Südens zu erhalten.

Vayloyan sucht eine neue Investitionsform, wo neben der

Kapitalerhaltung plus ansprechender Rendite auch die so

genannte soziale Rendite eine wichtige Rolle spielt. Der An-

legende soll im Sinne einer guten Entwicklungshilfe etwas

bewirken und dafür eine Rendite «im Rahmen des Libors

plus ein paar Prozente» bekommen, was bei etwa 3,5 Pro-

zent Libor zwischen 5 und 9 Prozent ausmachen würde.

Der Libor, also die London Interbank Offered Rate, ist der

Zinssatz, zu dem grosse Banken in London untereinander

Geld verleihen.

Die politische Ökonomie des Mikrokredites

«Das Wort

Mikrokredit

ist mittlerweile zu einer reinen

Worthülse verkommen», klagt Pionier Mohamed Yunus aus

Bangladesch, der vor dreissig Jahren mit seiner Grameen-

Bank die Idee des Mikrokredites lancierte. Yunus hat ver-

sucht, die Worthülse mit konkretem Inhalt zu füllen, indem

er die unzähligen konkreten Formen der Mikrokredite ge-

mäss spezifischen Kriterien in nicht weniger als zehn Ka-

tegorien unterteilt

(www.grameen-info.org

). Während der

legendäre Charismatiker über diese auf seiner dreissigjäh-

rigen Praxis fussenden Kategorien zweifelsohne einen gan-

zen Abend lang referieren könnte, muss an dieser Stelle

die Differenzierung des Mikrokredits in seine zwei Haupt-

kategorien genügen. Grundsätzlich kommt der Mikrokre-

dit in zwei Varianten vor, nämlich als wertebasierter sozi-

aler Mikrokredit und als renditegetriebener kommerzieller

Mikrokredit. Dazu gibt es zahlreiche Mischformen. Zwei

konkrete Beispiele für den sozialen Mikrokredit sind der

Grameen-Kredit von Yunus und der Oikocredit des Öku-

menischen Rates der Kirchen. Ein Beispiel für den kom-

merziellen Mikrokredit ist der so genannte Village Credit

des

FINCA

-Gründers John Hatch. Diese drei Varianten sol-

len in der Folge kurz erläutert werden.

Der soziale Grameen-Kredit ist mehr als eine kapi-

talistische Finanzbeziehung, wo der Kreditgebende dem

Kreditnehmenden Kapital gegen ein Zins- und Rückzah-

lungsversprechen verleiht. Er ist die gemeinsame Waffe

von Kreditnehmendem und -gebendem im Kampf gegen

die Armut. Laut Yunus hat der Arme ein nicht verhandel-

bares Menschenrecht auf Kredit, während dem Kredit-

gebenden andererseits kein entsprechendes Recht auf

Ertrag zusteht. Damit postuliert der Muslim Yunus in ge-

wisser Weise eine abgeschwächte Form des Zinsverbotes im

Koran: Solidarität kommt vor Profit. Ferner fusst der Gra-

meen-Kredit nicht auf dem Individuum, sondern auf der

Gruppe. Der rückzahlbare Kredit geht zwingend an eine

Gruppe von Menschen zur gemeinsamen Schaffung von

Einkommen generierenden Arbeitsplätzen und Unterkunft.

Kreditgebende sind nicht gewinnstrebige lokale Darlehens-

genossenschaften. Die lokale Refinanzierung dieser Ge-

nossenschaften ist wichtig, weil damit der Sparwille der

Bevölkerung gestärkt werden kann. Ergänzend dazu sieht

Yunus auch profitorientierte Kapitalgebende aus dem In-

und Ausland, denen er allerdings lediglich einen Zins an-

bietet, der dem bangladeschischen Interbankensatz ohne

Aufgeld entspricht. Womit der Grameen-Kredit die Ziel-

rendite von Credit-Suisse-Mann Vayloyan, Libor plus einige

Prozent, klar verfehlt.

Die Geschichte von sozialen Oikocredits begann auf

der Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen

1968 in Uppsala. Damals forderten politisch engagierte

Kirchenvertreterinnen und -vertreter ein alternatives In-

vestitionsinstrument für die Kirchen, aus dem später der

Oikocredit entstand. Obwohl das Konzept der Entwick-

lungsförderung durch Darlehen anfangs in Kirchen-, Ent-

wicklungs- und Bankkreisen auf Skepsis gestossen war,

entwickelte sich Oikocredit über die Jahre zu einer erfolg-

reichen Organisation im Bereich der Entwicklungsfinan-

zierung, die nach niederländischem Genossenschaftsrecht

organisiert ist

(www.oikocredit.org

). Rein quantitativ be-

trachtet ist der Oikocredit mit maximal zwei Millionen

Euro zwar kein Kleinkredit. Wenn er trotzdem zur Mikro-

kreditbewegung gezählt werden kann, dann aufgrund der

Grundsätze der Kreditvergabe. Die Geldgeberinnen und

Geldgeber aus kirchlichen Kreisen bekommen für ihre Ein-

lagen einen fixen Zins von zwei Prozent, während das ein-

bezahlte Geld in Projekte fliesst, die ökoverträgliche Ar-

beitsplätze schaffen, bevorzugt für Frauen. Womit für

Private Banker Vayloyan bei einem aktuellen Libor von

etwa 3,5 Prozent auch der Oikocredit nicht in Frage kommt.

Ein Beispiel für den kommerziellen Mikrokredit ist

die Village-Banking-Methode des

FINCA

-Gründers John

Hatch.

FINCA

, mit Sitz in Washington D.C., ist ein Mikro-

finanz-Netzwerk mit 22 Mitglieder-Institutionen auf vier

Kontinenten. Village Banking baut auf die Erfahrungen von

Hatch als US-Entwicklungshelfer im Südamerika der Sieb-

zigerjahre. Diese Methode betont die Pflichten und Rechte

jedes individuellen Kreditnehmenden im Rahmen der

mit dörflichen Darlehenskassen abgeschlossenen Kredit-

verträge

(www.villagebanking.org)

. Im Zentrum steht bei

dieser Methode nicht der Kampf gegen die Armut, sondern

die Zins- und Rückzahlungspflicht zu Marktkonditionen.

FINCA

ist Investment-Partner von Responsability, was den

Schluss erlaubt, dass

FINCA

-Investments die «Vayloyan-

Zielrendite» erreichen.

Mikrokredit ist Dialog

Das Etikett Mikrokredit allein sagt wenig aus. Erst die kon-

krete Gewichtung der sozialen und kommerziellen Prä-

ferenzen der Anlegenden ermöglicht die entsprechende

Wahl einer der zahlreichen Mikrofinanzinstitutionen. Auf

der Seite der Kreditgebenden entsteht der Mikrokredit im

Dialog zwischen dem sozialbewussten Anlegenden und

dem informierten Berater. Auf der Kreditnehmendenseite

im Dialog zwischen der Mikrofinanzinstitution und ihrer

Kundschaft. Und in diesem buchstäblich weltumspannen-

den Dialog von Menschen, die einen Interessensausgleich

suchen, ohne sich persönlich zu kennen, liegt auch die Es-

senz des konkreten Mikrokredits: Das eherne Profitgesetz

des Finanzkapitalismus wird relativiert.

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Gian Trepp

trepp@treppresearch.com

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Autor Gian Trepp ist

Ökonom. Er beschäftigt

sich seit Jahren mit dem

Schweizer Finanzplatz.

Buchpublikationen:

«Swiss connection»,

1996, Unionsverlag;

«Bankgeschäfte mit

dem Feind – die BIZ im

Zweiten Weltkrieg»,

1993, Rotpunktverlag;

«Ganz oben – 125 Jahre

Schweizerische Bank-

gesellschaft», 1987,

Limmat Verlag.

Mikrokredit als welt-

umspannnender

Dialog von Menschen,

die einen Interessens-

ausgleich suchen.