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Am Sitz der Stiftung Omage, einer in der

Westschweiz im Bereich Coaching und Ge-

währung von Mikrokrediten tätigen Institu-

tion, ist die Stimmung eher gedämpft. Am

vergangenen 30. April musste sich Anne-

Sophie Gabbarini, die Präsidentin der Stif-

tung, dazu entschliessen, das Mikrokredit-

geschäft von Omage mangels finanzieller

Mittel einzustellen. Alles hatte vor rund zwei-

einhalb Jahren mit gutem Medienecho be-

gonnen. Der auf der Internetseite der Stiftung

aus seinem Glasgefängnis herausspringende

Fisch vermochte die beabsichtigte Verbin-

dung zum Zielpublikum auf Anhieb herzu-

stellen. Angesprochen wurden insbesondere

Arbeitslose, so genannte Ex-«Gefangene» der

Arbeitswelt, die den Wunsch hegten, sich

selbstständig zu machen. Ein drastisches

Auswahlverfahren, die Kooperation des Seco

(Staatssekretariat für Wirtschaft) im Rahmen

eines Pilotprojekts sowie der Beginn einer Zu-

sammenarbeit mit dem Kanton Genf sollten

die Entwicklung über die gesamte West-

schweiz veranschaulichen. «Wir empfingen

viele Arbeitslose. Es war aber jeweils nie-

mand bereit, für die Finanzierung der Mikro-

kredite aufzukommen», bemerkt Anne-Sophie

Gabbarini mit Bedauern. Die 300 000 Fran-

ken Startkapital reichten lediglich für die

Unterstützung von 18 Projekten, «ohne Risi-

kodeckung». Heute ist die Stiftung an einem

Wendepunkt und muss sich neu ausrichten.

ASECE sucht Partner

«Würde uns heute eine Million Franken zur

Verfügung gestellt, so wäre diese Summe im

Nu investiert, denn wir haben zahlreiche Pro-

jekte auf der Warteliste.» Carmen Drexler von

der Stiftung

ASECE

geht geradewegs auf ihr

Ziel zu. Ähnlich dem charismatischen Grün-

der der

ASECE

(Association Solidarité Et Créa-

tion d’Entreprises) Georges Aegler, der es ver-

stand, Leute zusammenzubringen, die sich

ehrenamtlich um die Bearbeitung ausstehen-

der Mikrokredite kümmerten. Innerhalb von

sechs Jahren konnten etwa 1,3 Millionen

Franken in Form von Darlehen vergeben wer-

den. «Wir haben 10 Prozent schlechte Schuld-

ner und stehen damit nicht schlechter da

als die kommerziellen Kreditgeber», fügt

Carmen Drexler hinzu. Mit einem einzigen

bezahlten Angestellten wird die

ASECE

nur in

sehr geringem Masse mit fixen Kosten belas-

tet, weshalb sie sich auf Dauer halten kann.

Die Verantwortlichen machen jedoch kein

Geheimnis daraus, dass sie derzeit auf der Su-

che nach einem Partner aus der Bankenbran-

che sind, der bereit ist, «für Darlehen über

30 000 Franken» mit ihnen zusammenzuar-

beiten. Selbst die von der Universität St. Gal-

len ausgestellte Expertise, die das Know-how

der ASECE bezüglich Mikrokrediten bezeugt,

ist offenbar nicht gewichtig genug. «Die Ban-

ken zeigen wenig Interesse und scheuen die

Kosten, die ihnen aus der Bearbeitung der

vorgeschlagenen Geschäftsideen entstehen

könnten.» Um Garantien für ihre Darlehen

zu finden, wählt die ASECE einen anderen

Weg als die Banken: «Mit den Antragstellen-

den erarbeiten wir eine Bürgschaft durch eine

ihnen nahe stehende Person oder erstellen

eine Garantie in Form einer Versicherung»,

erklärt Carmen Drexler, die sich gerne auf die

französische «Hoffnungsbankerin» Maria No-

wak bezieht: Die Gründerin der Association

pour le Droit à l’Initiative Economique (ADIE)

kann auf die Schaffung von mehr als 26 600

Unternehmen in Frankreich zurückblicken.

Das Hauptproblem bei Mikrokrediten be-

steht in der Refinanzierbarkeit. Die Zinsen –

sie schwanken je nach Institution zwischen

2 und 5 Prozent – decken weder die Risiken

noch die Betriebskosten ab. Die

ASECE

sam-

melt private Spenden. So hat sich beispiels-

weise die Loterie Romande bereit erklärt, für

die Verwaltungskosten aufzukommen. Aber

das reicht natürlich nicht aus. Im Herbst wird

daher ein Wohltätigkeitsabend organisiert,

um weitere Gelder zu sammeln.

Mikrokredite sind kostspielig

In Genf führt Véronique Gallais einen ele-

ganten Teeladen. «Ich fing bei null an und

hatte keinerlei Vermögen. Ich konnte keine

Hypothek aufnehmen und war nicht kredit-

würdig, auch nicht für die Raiffeisenbank»,

sagt Véronique Gallais. Sie wandte sich zwei-

mal an das Office genevois de cautionne-

ment mutuel (

OGCM

), um einen Mikrokredit

zu erhalten. Entgegen der erst negativen Ant-

wort erhielt sie vier Jahre später ein Dar-

lehen. Sie konnte nun Zahlen vorweisen. Das

OGCM

unterhält eine Partnerschaft mit der

Genfer Kantonalbank. Die eine Institution

kümmert sich um die Begutachtung und die

Bearbeitung der Anträge, die andere um die

Auszahlung der Beträge.

«Gelder zur Verfügung stellen bedeutet

eine immense Verantwortung», erklärt Jac-

ques Métrailler, Direktor des

OGCM

. «Es darf

nicht zu wenig sein, sonst haben die Leute

nicht die geringste Chance, ihr Ziel zu errei-

chen.» Oft beantragen die Kandidaten zu ge-

ringe Summen. «Man bat uns um 5000 Fran-

ken, brauchte aber in Tat und Wahrheit

30 000, um ein überlebensfähiges Geschäft

aufzuziehen.» Im Falle des

OGCM

stammen

die Fonds aus öffentlichen Geldern; die Risi-

kogarantie teilen sich der Staat und der Kan-

ton Genf je zur Hälfte. Mit acht Millionen ge-

währten Darlehen zeigt sich das

OGCM

eher

zurückhaltend: «Mikrokredite sind eine kost-

spielige Angelegenheit; an dieser Tatsache

ändern auch Grosszügigkeit und guter Wille

nichts».

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Corinne Moesching

cor.moesching@bluewin.ch

Übersetzung: Bettina Schrank

Nr. 2

//

20.

Juni

2005

MIKROKREDIT //

5

Guter Wille reicht nicht

ROMANDIE__

Die Nachfrage nach Mikrokrediten ist in der Westschweiz

zwar vorhanden. Doch jüngst geschaffene Einrichtungen tun sich teils

schwer. Sie geben auf oder suchen eine Partnerschaft.