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Wie hoch liegen die Zinsen?

Unsere Zinsen liegen weit unter den Wucherzinsen von

bis zu 150 Prozent, die sie bei den informellen Geldver-

leihern bezahlen. Es ist wichtig, dass kleinste Unternehmen

nicht in die Abhängigkeit von Zinshaien geraten. Der

marktübliche Zins in Ecuador liegt bei 80 Prozent, was wir

von Gesetzes wegen verlangen könnten. Das ist angesichts

der Dollarisierung Ecuadors eine sehr hohe Belastung! Die

Banco Solidario stellt darum eine Kommission in Rech-

nung. Je kleiner das Darlehen, desto höher die Kommis-

sion. Je kleiner ein Darlehen, desto mehr Arbeit haben

unsere Mitarbeitenden bei der Kundenbetreuung. Durch-

schnittlich beträgt unsere Kommission 30 bis 35 Prozent

pro Jahr. Das ist zwar bei den sehr kleinen Kundinnen und

Kunden nicht kostendeckend. Doch nach dem dritten oder

vierten Darlehen wird es auch hier für uns interessant und

das Risiko sinkt.

Wie finanziert sich die Banco Solidario?

Die Banco Solidario muss für ihr Betriebskapital, mit

dem wir die Mikrokredite finanzieren, mit Kosten von

durchschnittlich 9 bis 10 Prozent rechnen. Mit dem Inves-

titionskapital aus Übersee können wir die Kosten auf 8,5

bis 9 Prozent drücken – zum Vorteil für unsere Geschäfts-

kundschaft, der wir eine Rendite von 6 bis 7 Prozent an-

bieten können. Unsere durchschnittlichen Kreditkosten

betragen 16 Prozent.

Wie steht es mit Investoren aus Ecuador?

Das ist ein Problem, denn Investoren aus Ecuador

scheuen das Risiko ökonomischer und politischer Insta-

bilität im eigenen Land. Wegen dieser Risiken werden ecua-

dorianische Investitionen bei uns nur mit einer durch-

schnittlichen Laufzeit von 60 Tagen abgeschlossen! Daraus

entstehen riesige Kosten wegen der vielen technischen Ope-

rationen und Bewegungen in Höhe von 20 bis 22 Prozent.

Schaffen die Mikrokredite nicht neue Abhängigkeiten

von der Bank?

Wenn Darlehen Umsatzwachstum und höheres Ein-

kommen bescheren, ist die Abhängigkeit von der Bank kein

Problem. Schlechter sieht es aus, wenn die Kundschaft in

Zahlungsschwierigkeiten gerät. Das verbessert die Lebens-

situation nicht und verursacht eine schädliche Abhängig-

keit von der Bank. Diese Gruppe ist glücklicherweise klein.

Ein Viertel der Kundinnen und Kunden sucht hingegen

grössere Folgedarlehen, weil das Geschäft floriert.

Kann denn Armut mit einer wachstumsorientierten

Strategie von Mikrokrediten bekämpft werden?

In Ecuador leben 70 Prozent der Bevölkerung unter der

Armutsgrenze. Ein Drittel der Menschen hat weniger als

18 Dollar pro Monat zur Verfügung. Deshalb müssen wir

soziale Verantwortung und ökonomische Rentabilität mit-

einander verbinden, um die Armut in den ärmsten Dörfern

zu verringern. Dass uns dies mit Erfolg gelingt, zeigt die

wachsende Zahl von Kunden, die ihre Lebenssituation mit

einem kleinen Kredit nachhaltig verbessern können.

Als Bank haben wir gleichzeitig auch unsere Investoren

aus Europa, wie zum Beispiel Oikocredit, im Auge, die sich

mit grossen Summen von mehr als einer Million Dollar

bei uns engagieren. Ihre Rendite lag 2004 zwischen 6 und

7 Prozent. Das besondere an unserer Strategie ist aber, dass

wir diese wichtigen Investoren mit der Realität der armen

Leute in Ecuador in Kontakt bringen!

Interview: Wolf Südbeck-Baur und

Karl Johannes Rechsteiner

Nr. 2

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20.

Juni

2005

MIKROKREDIT //

9

Banco Solidario Ecuador 2004:

– Gegründet 1995, unter anderem mit Beiträgen von Swisscontact

– 129 487 Kundinnen und Kunden (+ 40%)

– Mikrokredite von 245 Millionen Dollar, inklusive exklusives «Goldtopf»-

Angebot mit Bargeld gegen Schmuck

– Durchschnittliches Darlehen 900 Dollar

– 175,5 Millionen Dollar Spareinlagen

– 4,6 Millionen Dollar Gewinn vor Steuern

– Über 50 000 Migrantinnen und Migranten (v.a. in Spanien) nutzten

spezielle Sparangebote und die Möglichkeiten kostenloser Geldtransfers

nach Ecuador

– Start Hausbauprogramm im Dezember 2004, seither 4605 Häuser neu

im Eigentum von Familien

– Als erste Mikrofinanzinstitution weltweit erhielt Banco Solidario

ein A-Rating und ist ISO-9001 zertifiziert

www.banco-solidario.com

Fotos: Oikocredit

Ein Viertel der Kundinnen

und Kunden sucht

grössere Folgedarlehen,

weil das Geschäft floriert.