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raum. Um solche Interessenkonflikte künftig zu vermei-

den, hat beispielsweise die EU schärfere Regeln erlassen:

Wird ein Staat oder ein Unternehmen absichtlich oder

fahrlässig falsch beurteilt, muss die Ratingagentur zu-

künftig Schadenersatz zahlen.

Die «Big Three»

Nach einer Reihe von Zusammenschlüssen gibt es nur

noch drei wichtige Agenturen, die global tätig sind: Stan-

dard & Poor’s, Fitch und Moody’s – zusammen haben sie

einen Marktanteil von über 95 Prozent. Alle haben ihren

Sitz in den USA – auch wenn Fitch zur Hälfte französisch

ist. Möchte ein europäischer Staat Geld aufnehmen, muss

er sich von mindestens zwei der Agenturen überprüfen

lassen. Das gibt den «Big Three» eine grosse Machtfülle.

Allein die Androhung einer Herabstufung führt in der Re-

gel dazu, dass ein Staat Geld teurer aufnehmen muss,

denn die Zinsen und damit die Finanzierungskosten stei-

gen. Damit werden die Ratings zu selbsterfüllenden Pro-

phezeiungen, und profitiert hat nur die Agentur. Bezah-

len müssen dies die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.

Demokratisch legitimierte Politiker werden zu Erfüllungs-

gehilfen technokratischer Ratingagenturen.

Wie weit dieses Spiel gehen kann, zeigt eine Studie

der Universität St. Gallen. Professor Manfred Gärtner

und sein Team untersuchten die fundamentalen makro-

ökonomischen Daten, die dem Rating eines Staates

normalerweise zugrunde liegen: Volkseinkommen, Defi-

zit des Staatshaushalts, Schuldenquote, Inflation und

Zinsniveau wurden mit den von Agenturen erstellten

Ratings verglichen. Die Resultate: Seit Beginn der Schul-

denkrise wurden alle Länder – auch bei objektiv gleicher

Lage – schlechter eingestuft als zuvor. Den Anstieg der

Verschuldung hatten die Agenturen zuerst verschlafen

und erst nachvollzogen, als das Problem bereits in aller

Munde war. Mit besonderer Härte traf es die südeuropä-

ischen Staaten Griechenland, Portugal und Spanien, aber

auch Irland. Sie mussten ab 2009 mit Bewertungen leben,

die markant tiefer waren, als es die ökonomischen Fakten

gerechtfertigt hätten.

Die nicht objektiven Bewertungen wären nicht weiter

tragisch, würde der Markt die Ratings nicht so blindlings

übernehmen. Heute aber stellt eine Herabstufung eine

Anleihe infrage, und der Markt fordert sofort höhere Zin-

sen ein. Insbesondere die südeuropäischen Staaten muss-

ten deswegen zeitweise hohe Risikoaufschläge auf ihre

Kredite zahlen. Diese Belastungen wiederum sind der Be-

ginn einer gefährlichen Spirale von Verschuldung und

Defiziten, die in einem Staatsbankrott – und oft in sozia-

ler Verelendung der Bevölkerung – enden können. Diese

Vorfälle zeigen, dass die Regeln des freien Marktes, nach

denen jeder Finanzmarktteilnehmer sein eigenes Risiko

tragen soll, hier nicht gelten.

Kritiker von Manfred Gärtners Studie monieren, die

Agenturen seien lediglich die Überbringer schlechter

Nachrichten. Der Ursprung der Schuldenkrise liege nach

Schwarmintelligenz

kontra Expertenwissen

Statt auf Einschätzungen durch wenige spezialisierte Ana-

lysten setzt Wikirating.org auf die Schwarmintelligenz:

Interessierte Nutzerinnen und Nutzer stimmen online über

eine Firma oder ein Land ab. Als Gründer Dorian Credé sei-

ne Plattform als Start-up in Zürich im Jahr 2011 eröffnete,

gab das Publikum in nur vier Monaten 10000 Stimmen ab.

«Weil mittlerweile die Zahl abstimmender Nutzer stark

gesunken ist, wird Wikirating im April 2014 neu lanciert»,

erklärt Credé. –Das Publikumsrating ist eine bestechende

Idee, sie ist aber bei zu geringer Beteiligung sehr anfällig

auf einzelne Stimmen und Ausschläge. Und die Qualität

muss sich erst noch beweisen. Das Wikirating für Indien ist

beispielsweise fast so hoch wie jenes der Schweiz, während

Deutschland eines der schlechtesten Ratings Europas hat.

wie vor darin, dass Staaten zu viel ausgäben und Ver-

pflichtungen in die Zukunft verschoben hätten. Doch die

Ratings bilden nicht nur diese Risiken ab. Die Agenturen

sind selbst zu mächtigen Akteuren des Kapitalmarktes

geworden, die mit ihren Bewertungen oder Drohungen

über das Schicksal von Gesellschaften und Staaten mit-

entscheiden. Sie haben die Spielregeln neu geschrieben.

Goldene Regel: Algorithmen misstrauen

Vorweg die betroffenen südeuropäischen Staaten for-

derten schon 2011, Ratingagenturen zu verbieten. Ein

Verbot würde den Kapitalmarkt aber noch schwieriger

und unsicherer machen, denn es würde noch weniger

Transparenz geben. Transparenz gegenüber der Öffent-

lichkeit und Finanzmarktteilnehmern ist aber ein Teil der

Verpflichtungen jedes Kreditnehmers. Allerdings muss

man sich im Klaren sein: Ratings basieren auf rückwärts-

gewandten (und deshalb nicht prognosefähigen) mathe-

matischen Modellen, deren Resultate permanent hinter-

fragt werden müssten. Viele Anleger verkaufen nämlich

aus Angst vor Verlusten. Und die Versicherungen oder

Pensionskassen, die nur Titel erstklassiger Bonität im

Portfolio halten dürfen, sind sogar verpflichtet, diese Pa-

piere bei einer Herabstufung abzustossen. Damit machen

sie aus den Ratings erst Tatsachen.

Es wird Zeit, dass Agenturen mehr Verantwortung

übernehmen. Seit dem vergangenen Jahr müssen sie laut

einer neuen EU-Regelung offenlegen, wenn sie von einem

ihrer Kunden selbst mehr als fünf Prozent der Anteile be-

sitzen. Diese Verschärfungen kratzen aber lediglich an der

Oberfläche des Problems. Ein Vorschlag von Peter Bofin-

ger, einem der fünf deutschen Wirtschaftsweisen, zielt da-

rauf ab, eine nicht gewinnorientierte, durch die EU regu-

lierte Ratingagentur aufzubauen. Sie soll gegenüber den

zu bewertenden Firmen und Staaten vollkommen unab-

hängig sein. Ihre Bewertungen müssten auf einheitlichen,

objektiv messbaren Indikatoren beruhen. Einen anderen

Weg zeichnet das Zürcher Start-up-Unternehmen Wikira-

ting vor (siehe Box). Kommen solche Modelle zum Funk-

tionieren, könnten sie die Macht der «Big Three» brechen,

damit Ratings, statt Teil des Problems zu sein, zu einem

Teil der Lösung werden.__//

Gabriel Züllig |

gabrielzuellig@gmail.com

Seit Beginn der Schuldenkrise wurden

alle Länder – auch bei objektiv gleicher

Lage – schlechter eingestuft als zuvor.