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Thema Schenken

moneta 4—2016

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«Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewoh­

ner» lautet die Inschrift der Freiheitsglocke in Philadel­

phia, die wie kein anderes Symbol für das Freiheits- und

Gleichheitsverständnis der

USA

steht. Die Inschrift

stammt aus dem 3. Buch Mose und bezeichnet einen ma­

teriellen Schuldenerlass, die Freilassung der Sklaven und

die Rückgabe des Landes. Der biblische Text (Lev 25:8-55)

schränkt das Recht der Gläubiger bewusst ein, um wach­

sende soziale Ungleichheit zu verhindern.Dahinter steht

die Überzeugung, dass aus einer Überschuldung keine

dauerhafte Abhängigkeit des Schuldners von seinen

Gläubigern entstehen soll. Ein regelmässiges Erlassjahr,

nach biblischer Vorgabe alle fünfzig Jahre, hilft den Über­

schuldeten, wieder auf die Beine zu kommen.

Schuldenerlass als Entwicklungsinstrument

Auchwenn diese Vorschriften in der Geschichte selten

befolgt wurden, bleibt die Idee des Erlass- beziehungs­

weise Jubeljahres (englisch «jubilee») populär. Unter «Ju­

bilee 2000» wurden in den Neunzigerjahren des 20. Jahr­

hunderts die globalen Aktivitäten zahlreicher NGOs

zusammengefasst, die bewirkten, dass sich die G-8-Län­

der 2005 auf einen Schuldenerlass für die ärmsten Län­

der der Welt einigten.

Jürgen Kaiser von der Kampagne

«erlassjahr.de»

und

Anja Webb, Koordinatorin bei «Jubilee Australia», nen­

nen drei Punkte des Bibeltextes, die helfen, die Beziehun­

gen zwischen Schuldnern und Gläubigern zu zivilisieren:

1. Der feste Rhythmus der Erlassjahre sorgt für

eine regelmässige Umverteilung, die unabhängig

von der Konjunktur und der Bereitschaft der

Reichen und Herrschenden ist.

2. Das Überleben des Schuldners in Würde

erhält Priorität vor den berechtigten Ansprüchen

des Gläubigers.

3. Die Umverteilung ist unabhängig vom

Wohlverhalten des Schuldners.

Im Alten Testament ist die Idee eines regelmässigen Schulden­

erlasses verankert, der für sozialen Ausgleich sorgen soll. Aktuelle

Bewegungen haben diese Idee wieder aufgegriffen. In den

USA

wird der Verzicht auf Rückzahlung studentischer Kredite als Wirt­

schaftsstimulus diskutiert.

Text: Bärbel Bohr

Überschuldung:

Regelmässiges

Erlassjahr

als Ausweg

Angst vor der Sogwirkung

Die globale Finanzkrise von 2008 hat die Verschul­

dung stark ausgeweitet. Überschuldung ist nicht länger

ein ausschliessliches Problem der «Armen» in unterent­

wickelten, fernen Gesellschaften. Sie ist unser aller Pro­

blem geworden. Die Diskussionen um einen Schulden­

erlass für Griechenland etwa haben zur Genüge gezeigt,

wie sehr Schuldverhältnisse Machtungleichgewichte

blosslegen. Die Gläubiger – Staaten, Banken, Investoren –

haben sich trotz einiger politischer Zugeständnisse bis­

her weitgehend durchgesetzt. Sie fürchten in erster Linie

die Sogwirkung eines Schuldenerlasses: Wenn Griechen­

land seine Schulden nicht zurückzahlen muss, würde es

weitermachen wie bisher. Und bald würde der nächste

Staat um Verzicht bitten. «Moral hazard» nennen Öko­

nomen dieses Phänomen.

Befreiung vom Wachstumswahn

Der Anthropologe David Graeber hingegen sieht die

gegenwärtige Überschuldung als Riesenproblem und ist

sicher, dass es bald einen massiven Schuldenerlass

braucht. Denn: Wer nicht genügend Einnahmen erwirt­

schaftet, um seine Schulden zurückzuzahlen, bricht ir­

gendwann finanziell zusammen. Der Autor trug die Idee

vom «Jubilee» mit seinem Buch «Schulden – die ersten

5000 Jahre» in weite Kreise der Occupy-Bewegung. Grae­

ber mahnt auch, dass die Schuldenlast zu immer härterer

Arbeit und intensiverer Ausbeutung der natürlichen Res­

sourcen zwinge,umdie Rückzahlungen zu gewährleisten.

Aus seiner Sicht bietet ein Erlass deshalb auch die Mög­

lichkeit, dem Wachstumsdruck zu entkommen und ein

neues ökonomisches System aufzubauen. Entschuldung

wird zur Befreiung – ganz im Sinne des Spruchs auf der

Freiheitsglocke. Graeber bleibt allerdings sehr vage, wie

dieser Schuldenerlass vonstattengehen soll.