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Thema Schenken

moneta 4—2016

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Wirksames Wirtschaftsprogramm

Konkret sind dagegen die Aktivitäten der

US

-ameri­

kanischen «Rolling Jubilee»-Bewegung, deren Exponen­

ten wie Graeber aus der Occupy-Bewegung stammen. Sie

begannen 2012, Spenden zu sammeln, um Schulden aus

studentischen Krediten mit grossem Preisabschlag von

Inkassofirmen oder direkt von Gläubigern aufzukaufen

und zu streichen. Mit etwas mehr als 100 000 Dollar Ein­

satz konntenbeispielsweise imFall des profitorientierten

Everest College fast vier Millionen Dollar rückständiger

Kredite ausgelöst werden.

Seit 2010 ist in den

USA

die Rede von dieser Kreditbla­

se. Zwei Drittel aller Studierenden verlassen die Colleges

mit Schulden. Zahlen der

US

-Bundesverwaltung zeigen,

dass eine Mehrheit der säumigen Zahler weniger als

10 000 Dollar schulden. Es handelt sich dabei meist um

Studienabbrecher, die eher in niedrig bezahlten Jobs lan­

den oder arbeitslos sind. Der Staat ist mit 80 Prozent

grösster Gläubiger.

Der Schuldenstand ist stark gestiegen, weil es für Stu­

dierende weniger öffentliche und günstige Kredite gibt.

Ausserdem sind die meisten Colleges sehr teuer gewor­

den. Viele Löhne sind in den letzten Jahren wenig bis gar

nicht gestiegen. Die hohe Verschuldung ist nicht nur ein

finanzieller Knebel für die Betroffenen, sondern trifft die

US

-amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft am Nerv.

Dank grosszügigen, preiswerten Darlehen und gebühren­

freien Colleges konnten früher begabte, aber mittellose

Menschen sozial aufsteigen. Dies ist heute wesentlich

schwieriger geworden. Wegen der Schulden warten gera­

de gut gebildete Amerikaner länger, bis sie eine Familie

gründen oder ein Haus kaufen. Eltern haben über viele

Jahre eine finanzielle Doppelbelastung: Sie müssen ihre

eigenen Kredite zurückzahlen und gleichzeitig für ihre

Kinder sparen, damit diese aufs College gehen können.

Viele gehen später als geplant in Rente, weil sie ihren Kin­

dern helfen müssen, die Darlehen zurückzuzahlen. Vor

diesem Hintergrund wollten die Aktivisten des «Rolling

Jubilee» ein Zeichen setzen. Mit ihren Befreiungsaktio­

nen erzielte die Initiative viel Aufmerksamkeit.

Auch die Regierung wird aktiv

Das «Rolling Jubilee» erntete aber auch Kritik.Finanz­

blogger Yves Smith warf den Aktivisten Naivität vor. Mit

dem Aufkauf der Kredite weit unter Nominalwert wür­

den sie das bestehende ausbeuterische System der Schul­

deneintreibung stützen. Die Aktionen seien zudem nur

punktuell; damit würden die wahren Ursachen nicht an­

gegangen. Smith empfahl den Aktivisten, das gesammel­

teGelddafür einzusetzen,die strukturellenBedingungen

für Studentenkredite zu verbessern. Tatsächlich hat im

letzten Jahr eineNeuorientierung der nunmehr als «Debt

Collective» zeichnenden Bewegung stattgefunden. Der

Schwerpunkt der jetzigen Aktivitäten liegt auf Campus­

aktionen wie Zahlungsstreiks oder Protesten sowie auf

politischer Aufklärungs- und Lobbyarbeit. Ziel ist es, ge­

meinsam eine bessere Verhandlungsposition gegenüber

den Gläubigern aufzubauen.

Auch die Politik ist aufgewacht. Präsident Obama hat

Verordnungen verabschiedet, die einen Schuldenerlass

erleichtern. Gewinnorientierte Colleges sollen stärker

kontrolliert werden. Die Branchenverbände fürchten

mangelnden Konsumwillen und bitten Washington um

Taten. Immer mehr Arbeitgeber wollen die Rückzahlung

der Studentenkredite als Sozialleistung anbieten. Wäh­

rend des

US

-Wahlkampfs 2016 zeigten die Vorschläge

der Präsidentschaftskandidaten,dass das Thema Studien­

finanzierung auf der innenpolitischen Agenda Washing­

tons bleiben wird. Dies reicht Leon Botstein, Präsident

des renommierten Bard College, nicht. Er fordert einen

generellen Erlass für alle staatlichen Studentenkredite.

Das sei ein Wirtschaftsprogramm, das nicht mehr koste

als die Rettungsaktionen nach der Finanzkrise, verkün­

dete Botstein. Aber diesmal würde man nicht Banken ret­

ten, sondernMenschen.

DEBTS