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Persönlich

P.P. 

CH-4601Olten

Post CH AG

#4—2016

Schenken: Vom Spenden über

die Freiwilligenarbeit bis zum Schulden­

erlass als Wirtschaftsprogramm.

«Ein Velo hilft,die Lebens­

bedingungen zu verbessern»

moneta:

Michel Ducommun,warum

braucht AfrikamehrVelos?

Michel Ducommun:

In diesemFahrzeug steckt

ein enormes Potenzial. Mobilität ist ein zen­

traler Faktor, wenn es um die Entwicklung

eines Landes geht. Autos sind in Afrika für

die meisten unerschwinglich, ökologisch

fragwürdig, zudem sind sie aufwendig in der

Wartung. Ein Velo aber kann von allen Fa­

milienmitgliedern benutzt werden, braucht

keinen Treibstoff und ist einfach zu reparie­

ren. Eine Wirkungsstudie der Universität

St.Gallen hat gezeigt, wie dieses simple Ge­

fährt hilft, die Lebensbedingungen zu ver­

bessern: Es ist einfacher, zur Schule und zur

Arbeit zu kommen, Feuerholz und Wasser zu

transportieren und zu medizinischen Ein­

richtungen zu gelangen.

AlteVelos in den Süden zu exportie­

ren – das tönt auch nach einer eleganten

Entsorgungsmethode ...

Dass der Altkleiderexport nach Afrika dort

ganze Industrien zerstörte, ist bekannt. Bei

Fahrrädern gibt es dieses Problem nicht: Die

einzige Veloproduktion, die Peugeot in Bur­

kina Faso betrieb, wurde 2013 eingestellt –

nicht aufgrund von Secondhand-Velos, son­

dernweil es für dasUnternehmennichtmehr

rentierte.

2015 haben Sie gut 20 000Velos gesammelt.

Wie gehen Sie vor?

Wer seinVelo spendenwill,kann es kostenlos

beim nächsten Bahnschalter aufgeben oder

zu einer der schweizweit 500 Sammelstellen

Wer zu Hause ein Fahrrad ungenutzt herumstehen hat, kann

es der Organisation Velafrica spenden. Diese sammelt

jährlich 20000 Fahrräder, revidiert sie und exportiert den

Grossteil nach Afrika. Dabei profitieren Sozialhilfe­

empfänger in der Schweiz und Fahrradmechaniker im Süden,

erklärt Michel Ducommun, Programmleiter bei Velafrica.

Interview: Pieter Poldervaart, Pressebüro Kohlenberg

bringen, mit denen wir kooperieren. Zusätz­

lich führen wir jährlich über 50 Sammelan­

lässe durch. 30 Partnerinstitutionen, für die

Erwerbslose, Sozialhilfeempfänger, Flücht­

linge oder Menschen mit Beeinträchtigun­

gen in Integrationsprogrammen arbeiten,

übernehmen dann die Ware, machen eine

Grobsortierung, führen erste Reparaturen

durch und verladen die Velos in Container.

Wie erfolgt die Zuteilung der Fahrräder?

Wir schicken die Container gezielt an soge­

nannte Hubs in derzeit sieben afrikanischen

Ländern: Es sind Kleinfirmen mit einem

Dutzend Mitarbeitern, wobei häufig auch

NGOs einbezogen werden. Die Mechaniker

vor Ort montieren die Velos und erledigen

weitere Reparaturen, sodass aus den Altvelos

wieder strassentauglicheGefährte entstehen,

die sie anschliessend verkaufen.

Aus Spendenwird also einGeschäft?

Wir wollen wirtschaftliche Entwicklung mit

sozialer Wirkung verbinden und schaffen

dringend benötigte Jobs und Ausbildungs­

möglichkeiten. Die Hubs kaufen die Velos

vonuns.Unsere Analysenhaben gezeigt,dass

sie sorgfältig kalkulieren müssen, damit sie

in die schwarzen Zahlen kommen. Wir unter­

stützen diese

KMU

deshalb nicht nur mit

zwei Startcontainern voll Velos auf Kredit,

damit sie am Anfang Liquidität haben, son­

dern wir helfen auch mit Schulung und

einem einfachen Buchhaltungsprogramm.

Ein wichtiger Teil des Projekts ist es, in Afri­

ka eine Wertschöpfung zu ermöglichen, in­

dem Velomechaniker und -mechanikerin­

nen die meiste Revisionsarbeit erledigen

und Vertriebskanäle aufbauen.

Gelangen alleVelos nachAfrika?

Von 100 abgegebenen Fahrrädern landen 70

in Afrika, 20 werden für Ersatzteile ausge­

schlachtet. 10 werden komplett aufgemöbelt

und inder Schweiz verkauft.Dabei handelt es

sich vor allemumModelle,die inAfrika nicht

gefragt sind: Vintage-Dreigänger aus den

Sechziger- bis Achtzigerjahren. Der Erlös

geht an Velafrica.

WillVelafrica expandieren?

Das planen wir tatsächlich, und zwar sowohl

im Süden als auch in Europa. In Afrika ist der

Bedarf an qualitativ guten Gebrauchtvelos

enorm. Und in Europa gibt es Unmengen von

Altvelos, die nicht mehr gefahren werden. Ak­

tuell verhandeln wir mit Partnern in Öster­

reich und Finnland.

Warumnichtmit denNiederlanden?

Holland ist zwar ein Velomekka, aber meist

werden schwere, gemütliche Dreigänger ge­

fahren. Aufgrund der Topografie und des

Strassenzustands in Afrika favorisieren un­

sere Partner Mountainbikes. In Österreich

und Finnland sind viele solche Gefährte auf

dem Markt. Doch neben der Auslandexpan­

sionwollenwir vor allemdas Potenzial in der

Schweiz noch besser nutzen: Hierzulande

gibt es 3,5 Millionen Velos, fast die Hälfte da­

von steht ungenutzt in Kellern und Garagen

herum. Bei 380 000 Verkäufen pro Jahr sind

die von uns erfassten 20 000 Stück ein Klacks.

Wir wollen die Zahl bis in fünf Jahren ver­

dreifachen.

www.velafrica.ch

Michel Ducommun

arbeitet seit 2009

bei Velafrica als Pro­

grammleiter Afrika und

treibt den Auf- und

Ausbau von sozialen Un­

ternehmen voran. Zu­

vor war er mehrere Jahre

in Afrika in der Entwicklungszusammen­

arbeit tätig. Nicht zuletzt durch eine

Velotour, die ihn quer durch Afrika führte,

weiss er um das grosse Potenzial von

Velos für die soziale und wirtschaftliche

Entwicklung.