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Thema Schenken

moneta 4—2016

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Einst gab es eine Welt ohne Geld. Was die Menschen

brauchten,bauten sie auf ihren Äckern an oder stellten es

in ihren Höfen her.Wenn sie dabei Überschüsse erzielten,

tauschten sie diese gegen dasjenige ein, was ihnen fehlte.

AmAnfang, so erzählt Aristoteles in seiner «Politik», war

die Tauschwirtschaft. Sie sei der Ursprung der «

oiko-

nomía»

– der Kunst der Haushaltsführung.

Eines aber hat er dabei unterschlagen: Neben dem

Tauschen gab es immer auch das Schenken. Vielleicht

ist die Kultur der Gabe sogar ursprünglicher als die des

Gütertausches. Die Völkerkunde legt das nahe. So zeigte

in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts

der Ethnologe Marcel Mauss, dass die Kultur der Gabe

weltweit in traditionellen Gesellschaften verbreitet ist:

Menschen beschenken einander, ohne dass sie erwarten

würden, etwas Gleichwertiges zurückzuerhalten. Das

Schenken,so viel dürfte sicher sein,ist tief imFundament

der Menschheit verwurzelt.

Ein Gespräch über die Zukunft

Bei indigenen Völkern ist die Kultur des Schenkens

noch heute lebendig. Einer, der das bezeugt, ist Anga­

angaq.Er

ist Ältester und Schamane der Kalaallit-Eskimo

im Westen Grönlands. In seinen Vorträgen und Büchern

spricht er oft davon, was es ursprünglich mit dem Schen­

ken auf sich hat: «Wenn dir inmeiner Heimat einÄltester

ein Geschenk macht, dann will er dir damit etwas sagen»,

erklärt er. «Es ist persönlich an dich adressiert. Und es ist

dafür da, dich darin zu unterstützen, deine Kraft und

Schönheit erblühen zu lassen.»

Ein Geschenk, so die Essenz dieses Brauchtums, steht

ursprünglich im Dienst der Persönlichkeitsentwicklung

des Beschenkten. Angaangaq erklärt: «Ein Grossvater

schenkt seinem Enkel die Feder einer Schneegans. Da­

mit will er sagen: ‹Erkenne dich selbst! Vertraue dir! Du

kannst weite Streckenfliegen! Werde dir deiner Kraft und

Schönheit bewusst.›» Die Frage ist nun, wie der Enkel da­

mit umgeht.Erweiss,was das Geschenk

ihmsagenwill.Er

weiss sich von dem Geschenk in Anspruch genommen.

Und ebenso weiss er, dass es nun an ihm liegt, darauf Ant­

wort zu geben. Nimmt er das Geschenk an, dann sagt er

damit seinem Grossvater: «Ja, ich werde fliegen lernen.»

Damit zeigt er, dass er willens ist, sich des Geschenkes

würdig zu erweisen. Er gibt seinem Grossvater Antwort,

indem er die Verantwortung übernimmt, dem an ihn

durch das Geschenk ergangenen Anspruch zu genügen.

Beschreibt man Schenken und Sich-beschenken-Lassen so, dann zeigt sich: Ursprünglich ist das Schenken

einGespräch.Es

ist eine Konversation,bei der einMensch

einem anderen durch das Geschenk etwas Wesentliches

sagt, worauf der Beschenkte Antwort gibt, nicht durch

eine Gegenleistung, nicht durch Tausch, nicht durch Geld,

sondern mit seinem Leben, mit seinem Tun und Lassen.

Das Geschenk ruft den Beschenkten in eine existenzielle

Schenken ist eine ursprüngliche Form der Ökonomie und Kommuni­

kation. Ein Geschenk annehmen hiess, sich des Geschenkes würdig

erweisen zu wollen. Diese Verantwortung sollten wir wieder fördern:

gegenüber den Geschenken der Natur, aber auch gegenüber den

Dingen, die wir kaufen.

Text: Christoph Quarch

Die

Verantwortung

der

Beschenkten