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Thema Schenken

moneta 4—2016

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Christoph Quarch ist Philosoph, Theologe und

Religionswissenschaftler. Er arbeitet freiberuflich als

Autor, Vortragender und Berater.

Verantwortung. Es geht ihn als Person unbedingt etwas

an. DemGeschenk eignet daher eine hohe Verbindlich­

keit – und wenn es angenommen wird, stiftet es eine

Verbindung, die weit über den Tag hinaus reicht.

Die Geschenke der Natur und der Sinn

des Lebens

DieserGedanke lässt sichausweiten.Denn–auch

das wissen manche indigenen Völker noch ge­

nauer als wir – der Menschwird nicht allein von

seinesgleichenbeschenkt,sondern auchvonder

Natur. Das Leben ist ihm geschenkt, die Luft

zum Atmen ist ihm geschenkt, die Früchte der

Pflanzen sind ihm geschenkt. Sich all dessen

würdig zu erweisen, darin liegt menschliche

Verantwortung. Und darin liegt zugleich der

Sinn des Lebens: mit der Welt im Gespräch zu

sein, teilzunehmen an der grossen Konversati­

on,darauf zuhören,was dieWelt uns sagenwill,

und eine stimmige Antwort darauf zu sein.

Denn nur in der Konversation mit der Welt

formt sich unsere Identität.Wir werden erst zu

denen, die wir sind, indem wir dem, was uns

geschenkt ist, Antwort geben.

Genau darin liegt die Schönheit des Schen­

kens: Es ist immer eine Einladung zur Konver­

sation, bei der sich die Gesprächspartner in dem

Masse verbindlich sind,indemsie demAnspruch

der Geschenke zu genügen bereit sind. Die ur­

sprünglicheÖkonomie des Schenkens ist – anders

als unsere heutige Ökonomie des Kaufens und Ver­

kaufens – darauf angelegt, Menschen existenziell

zu bereichern: sie darin zu unterstützen, ihre per­

sönlichen Anlagen zu entfalten und sich auf gute

und verbindliche Weise in ihre Gemeinschaft und die

Welt zu integrieren.

Schwindende Verbindlichkeit

Doch all das wissen wir nicht mehr. Infolge der

flächendeckenden Ökonomisierung der Welt haben wir

verlernt, einander zu beschenken und mit den Geschen­

ken, die uns bereitet werden, verantwortungsbewusst

umzugehen. Wir nehmen die Gaben des Lebens und der

Liebe als selbstverständlich entgegen und kommen gar

nicht auf die Idee, Verantwortung für diese Gaben zu

übernehmen. Denn wir kennen keine andere Ökonomie

als die des Tauschens. Kaufen und Verkaufen bestimmen

unser Denken. Wenn wir beschenkt werden, fragen wir

nicht: Wie kann ich mich des Geschenkes würdig erwei­

sen?,sondern:Wie kann ichdaswiedergutmachen?Wenn

wir ein Geschenk machen, fragen wir nicht: Was habe ich

dem anderen zu sagen?, sondern: Rechnet sich das auch?

So wird das Schenken pervertiert. Zurück bleibt dann

ein meist lieb- und ideenloses «Etwas-für-andere-Kau­

fen» – wenn man nicht gleich die banalste Option wählt

und Geld oder Gutscheine verschenkt. Wer sich dazu ver­

steigt, kauft sich frei davon, sichmit anderen befassen zu

müssen, und bekundet, dass er mit dem Beschenkten in

keiner echten Beziehung mehr steht. Da ist es vielleicht

sogar aufrichtiger, zu sagen: «Wir schenken uns nichts.»

Doch muss man wissen: Wer aufhört, andere zu beschen­

ken, verzichtet auf die Möglichkeit, in eine essenzielle

Beziehung zu ihnen zu treten.

Mit der Kultur des Schenkens schwindet die Verbind­

lichkeit.Man wagt es nicht mehr, einander von Person zu

Person zu begegnen, und bescheidet sich stattdessen mit

einem flachen Tauschhandel, bei dem zuletzt nur noch

interessiert, wie man es anstellt, als Beschenkter nicht

beim Schenkenden in der Schuld zu stehen. Man nimmt

Geschenke nur noch hin als Beihilfe zur eigenenWunsch­

erfüllung. Seelisch reich wird dabei niemand mehr.

Auch Kaufen verpflichtet

Vielleicht wäre es lohnend, nicht länger das Schenken

als einen altmodischen Sonderfall der Tauschwirtschaft

zu sehen, sondern die Sache umzudrehen und auch das

Tauschen nach Massgabe des ursprünglichen, wesentli­

chen Schenkens zu betrachten: zu begreifen, dass auch

Kaufen und Verkaufen Varianten der Konversation sind –

ein Spiel von Nehmen und Geben, bei dem es um An­

spruch und Verantwortung geht.

Denn wo steht geschrieben, dass nicht auch der Kauf

einer Ware den Käufer zur Verantwortung ruft, sich des

Erworbenen würdig zu erweisen? Wer sagt, dass man sich

durch das Zahlen eines Kaufpreises der Verantwortung

entzieht, die man beim Kauf der Ware miterhält? Als

würde man dadurch, dass man Geld für ein Auto bezahlt,

davon befreit, sich verantwortungsbewusst im Strassen­

verkehr und gegenüber seinen Mitmenschen zu verhal­

ten. Oder als ob man frei davon wäre, sich der Belegschaft

gegenüber verantwortlich zu zeigen, wenn man ein Un­

ternehmen erwirbt.

Wie wäre es, wenn wir das Wirtschaften wieder ins

Licht des Schenkens rücken und uns dessen erinnern

würden, was eine ursprüngliche und wesentliche Ökono­

mie auszeichnet: ein gutes Gleichgewicht des Nehmens

und Gebens zu erzeugen, eines, das die Menschen wirk­

lich reich werden lässt, indem es sie näher zu sich und zu­

einander bringt,anstatt sienur als Konkurrentenauf dem

Markt anzusehen? Sich darauf zu besinnen, dass auch in

einer Welt der globalen Marktwirtschaft mit jeder Ware

eine Verantwortung einhergeht, wird der Ökonomie im

21. Jahrhundert guttun.