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Thema Schenken

moneta 4—2016

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Sportvereinen.Frauenhingegen leistenmehr unbezahlte

Arbeit in sozial-karitativen Organisationen. Ein infor­

melles Engagement erbringen vor allem jüngere Rentne­

rinnen und Rentner sowie Frauen in der Familienphase.

Die Statistik zeigt ein recht umfassendes Bild der Frei­

willigenarbeit in der Schweiz. Einen typischen Freiwilli­

gen gebe es jedoch nicht, sagt Joëlle Martinoya, General­

sekretärinvonBénévolat-Vaud,demKompetenzzentrum

für soziale Aktivitäten im Kanton Waadt. Welches sind

denn die Beweggründe? Was motiviert die Menschen,

ihre Zeit und ihre Kompetenzen zu investieren? «Als häu­

figster Grund wird der Wunsch genannt, zusammen mit

anderenMenschen etwas zu bewegen,oder das Bedürfnis,

sich nützlich zu fühlen, indem man anderen hilft. Wir

stellen auch fest, dass die Freiwilligen ein grosses

Interesse haben, anderen Menschen zu begeg­

nen und andere Lebenswelten kennenzuler­

nen», erklärt Martinoya. Sich auf lokaler

Ebene engagieren und Kontakte knüpfen

sind ebenfalls Gründe, die oft genannt

werden. «Viele Freiwillige wollen auch ih­

re Kompetenzen und Erfahrungen erwei­

tern. Entgegen der verbreiteten Meinung

engagieren sich Personen, die sozial und

beruflich gut integriert sind, und nicht

unbedingt jene, die über die meiste Frei­

zeit verfügen», ergänzt Stéphane Ballaman,

Co-Leiter des Bereichs Soziales und Freiwil­

ligenarbeit beim

SRK

Kanton Waadt. Es sind

also gemeinnützige wie persönliche Motive,

deretwegen sich Frauen und Männer für ein frei­

williges Engagement entscheiden.

Aktiv rekrutieren

Das

SRK

Kanton Waadt ist hauptsächlich in der Be­

treuung älterer Menschen daheim sowie im Fahrdienst

aktiv. Dafür kann es auf die regelmässige Unterstützung

von etwa 450 Freiwilligen zählen; derenAnzahl steigt seit

2013 an.Stéphane Ballaman führt diesenAnstieg auch auf

die sehr intensiven kantonalen und nationalen Werbe­

kampagnen zurück.

Für alle sozial tätigen Organisationen ist es zentral,

Freiwillige zu finden, die über die passenden Kompeten­

zen verfügen. «Wir definieren klar die Ressourcen, die

wir benötigen», erklärt Stéphane Ballaman. «Wir stim­

men dabei Angebot und Nachfrage aufeinander ab. Bei

einem ersten Gespräch diskutieren wir über die Erwar­

tungen der Kandidatin oder des Kandidaten. So können

wir feststellen, ob ihre oder seine persönlichen Pläne

Quelle: Bundesamt für Statistik (

BFS

), Freiwilliges

Engagement in der Schweiz 2013/2014, Neuenburg, 2015

mit unserem Projekt übereinstimmen.» Sind die Kandi­

datinnen und Kandidaten bereit, sich einzulassen, wer­

den sie zu einem Ausbildungstag eingeladen. Laut

Stéphane Ballaman «ist dies wie eine Eingangstür zur so­

zialen Aktivität». Im Kanton Waadt haben Pro Senectute,

Caritas und das Schweizerische Rote Kreuz ihre Ressour­

cen gebündelt und organisieren gemeinsame Ausbil­

dungstage. Unter anderem werden dabei die Aufgaben

und die Motivation erörtert, konkrete Situationen geübt

oder Kenntnisse zu den Rechten, Pflichten sowie den

Grenzen des freiwilligen Engagements vermittelt.

Wertschätzung und Anerkennung

Nach dieser Einführung leisten die Freiwilligen ihre

Einsätze allein; sie werden dabei von einer Koordinato­

rin oder einem Koordinator gecoacht. Diese Betreuung

durch eine beim

SRK

angestellte Person ist Teil einer Stra­

tegie, die Freiwilligenarbeit nachhaltig fördern will. Alle

Organisationen sind bestrebt,ihre Freiwilligen an sich zu

binden. Aber wie schafft man es, Freiwillige längerfristig

zu motivieren? Respekt zu zeigen für die Zeit, die sie in­

vestieren, sei ganz wesentlich, weiss Stéphane Ballaman

aus Erfahrung. Den Freiwilligen Anerkennung für ihre

Arbeit und ihr Engagement zu vermitteln, ist ebenfalls

motivierend. Wertschätzung und Dank tun gut, ebenso

wie Zugang zu einer Ausbildung und einer regelmässigen

Evaluation zu erhalten. «Es ist ein Geben und Nehmen:

Die Freiwilligen schenken ihre Zeit,und die Arbeit,die sie

leisten, bereichert sie und erweitert ihre Kompetenzen»,

bringt es Stéphane Ballaman auf den Punkt.

Freiwilligenarbeit kann reiche menschliche Erfah­

rungen bieten. Hamza Berreqia erledigt als Freiwilliger

beim

SRK

Kanton Waadt seit mehr als einem Jahr die

Einkäufe für eine ältere Dame. «Ich finde keine anderen

Worte: Manchmal fühle ichmichwie ein Superheld.»Der

23-Jährige beschreibt sich als neugierig, lernwillig und

bereit, Verantwortung zu übernehmen, die sich von jener

seiner beruflichen Tätigkeit unterscheidet.Mit der Dame,

die er betreut, hat er ein Vertrauensverhältnis aufgebaut.

«Wir trinken etwas zusammen, wir reden – unsere Begeg­

nungen sind sehr angenehm. Ich denke, das ist es, was

mich am meisten motiviert: Freude zu haben und mich

nützlich zu fühlen.» Vielleicht ist das die Essenz der Frei­

willigenarbeit: eine starke und bereichernde Verbunden­

heit und Nähe.

Aus dem Französischen von Dominique Graf.

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