Welche Rolle spielt es bei der ökologischen Transformation? Was lässt sich gegen den Fachkräftemangel tun? Und ist Handwerk tatsächlich unsterblich?

Zeit für eine Aufwertung
Editorial von Katharina Wehrli, Co-Chefredaktorin moneta
Die Zahl der Handwerkerinnen und Handwerker in der Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten rapid abgenommen. Das hat mit der zunehmenden Automatisierung, aber auch mit der Auslagerung von handwerklichen Arbeiten in Billiglohnländer zu tun. Kaum ein T-Shirt wird noch hierzulande genäht, und nur wenige Schränke werden in der Schweiz geschreinert. Denn das ist in der Regel viel, viel teurer, als wir uns das inzwischen gewohnt sind: Wenn bei global tätigen Unternehmen ein T-Shirt für 5 Franken und ein Schrank für 150 Franken zu haben sind, warum sollten wir dann das Zehnfache oder mehr für ein in der Schweiz gefertigtes Produkt bezahlen? Da wären wir doch blöd … Aber in diesem Gedanken liegt schon der Kern des Problems, nämlich die Abwertung der handwerklichen Arbeit. Wir haben uns so sehr an all diese günstigen Produkte gewöhnt, dass wir oft nicht mehr sehen, wie viel Arbeit in jedem Kleidungsstück, in jedem Möbel steckt. Und vor allem sind wir meistens nicht willens oder in der Lage, so viel Geld dafür aufzuwenden, dass eine Näherin oder ein Schreiner in der Schweiz gut davon leben könnte. Mit anderen Worten: Viele in der Schweiz hergestellte Produkte sind zu einem – für viele unerschwinglichen – Luxus geworden. Entsprechend sind zahlreiche traditionelle Handwerksberufe hierzulande verschwunden oder in die Nische gedrängt worden.
Dies gilt aber nicht für die Bau- und Installationsberufe, wie Simon Rindlisbacher in dieser «moneta» darlegt. Denn handwerkliche Arbeiten an Gebäuden, Strassen, Energieanlagen lassen sich nicht ins billigere Ausland verschieben, und sie sind, angetrieben durch die Energiewende, gefragt wie nie. Aber auch hier zeigt sich eine Abwertung: Bei vielen Bau- und Installationsberufen sind die Löhne – gemessen an den oft harten Arbeitsbedingungen – eher tief, die Arbeitszeiten starr und der Druck hoch. Wenig überraschend ist der Fachkräftemangel hier grösser als in anderen Branchen. Wenn die Schweiz aber die Energiewende und damit den Weg in eine nachhaltige Zukunft schaffen will, brauchen diese Berufe eine Aufwertung, etwa durch höhere Löhne und flexiblere Arbeitszeiten, damit sie attraktiver für junge Männer – und Frauen – werden und sich besser mit einer Familie vereinbaren lassen.
Vielleicht stehen wir heute auch vor einer Trendwende: Denn die Wissensberufe, welche die Handwerksberufe in den vergangenen Jahrzehnten als wichtigste Berufsgruppe abgelöst hatten, sind heute teilweise durch die Künstliche Intelligenz bedroht. Die Handwerksberufe hingegen sind weniger von KI tangiert – und damit sicherer. Ob dies zur Folge hat, dass künftig mehr junge Menschen einen Handwerksberuf erlernen wollen, wissen wir noch nicht. Sicher ist nur, dass es handwerkliche Arbeit immer brauchen wird – und es an der Zeit ist, ihren Wert anzuerkennen.
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